Zwei Herzen in meiner Brust

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Die SANNI Foundation gab mir die Möglichkeit auf St. John’s in Trivandrum, Südindien ein dreimonatiges soziales Praktikum zu absolvieren. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie nervös ich vor diesem Abenteuer war und dass ich den Piloten auf dem Hinflug am liebsten gebeten hätte umzudrehen. Doch als ich gemeinsam mit Father Jose auf St. John’s ankam und die Kinder mich so freudig und strahlend begrüßten, verflog meine Aufregung. Die Pater, Nonnen und Mitarbeiter auf St. John’s haben mich sehr herzlich in ihre Gemeinschaft aufgenommen und standen mir in jeder Situation mit Rat und Tat zur Seite.

Neben der Erarbeitung verschiedener Online-Marketing-Aktivitäten versuchte ich so viel Zeit wie möglich mit den Kindern zu verbringen, die ich in Windeseile in mein Herz geschlossen hatte. Jeden Tag in ihre strahlenden Augen zu blicken und ihre Lebensfreude zu sehen, die sie trotz ihres Schicksals ausstrahlen, hat mich ungemein berührt und ich war überwältigt davon, dass die Kinder und auch ich selbst von Beginn an keinerlei Berührungsängste hatten. Im Alltag vergaß ich schnell, dass die Kinder unter der schweren Krankheit HIV/Aids leiden. Doch aufgrund ihres geschwächten Immunsystems sind sie um ein vielfaches anfälliger für Krankheiten jeglicher Art als ein gesundes Kind. Wie ich es in meiner Zeit auf St. John’s selbst erlebt habe, kann eine Erkältung auch schnell zu einer starken Bronchitis oder sogar zu einer gefährlichen Lungenentzündung werden. Aber diesen Schwierigkeiten sind sich die Betreuer bewusst und erziehen die Kinder zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Krankheit und bringen ihnen bei, wie sie Erkrankungen vorbeugen können bzw. wie sie mit ihnen umgehen müssen.

Als weiße Europäerin ist man auf St. John’s eine kleine Exotin. Da weder das Englisch der Kinder, geschweige denn meine Malayalam-Kenntnisse für eine Unterhaltung ausreichten, war es zu Beginn durchaus eine Herausforderung sich zu verständigen. Doch wir hatten großen Spaß daran, die Sprache des anderen zu erlernen und es war eine Freude, ihre raschen Fortschritte zu beobachten. Schnell hatte ich den Spitznamen „Ana“, was auf Malayalam Elefant heißt, worüber sie sich natürlich köstlich amüsierten. Und es ist sehr erstaunlich, wie gut man sich auch ohne Worte verstehen kann. Ich konnte mich schnell in das Leben auf St. John’s integrieren. Neben den morgendlichen Yoga-Stunden begleitete ich die Kinder zu den Mahlzeiten, gab ihnen täglich Englisch-Unterricht, und unterstützte sie bei ihren Lieblingsbeschäftigungen: dem Tanzen und Singen. 

Die gemeinsamen Ausflüge sind mir in besonderer Erinnerung geblieben. Dem Alltag zu entfliehen und etwas Besonderes zu unternehmen war nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Lehrer, Pater, Nonnen und mich ein großes Highlight. Beispielsweise besuchten wir einen indischen Zirkus, bestritten ein Cricket-Turnier gegen das Boys-Home oder fuhren zum Baden ans Meer. Eine Busfahrt wird dabei  schnell zu einer kleinen Disco, in der alle ausgelassen miteinander singen und tanzen. Dinge und Unternehmungen, die für uns selbstverständlich sind, haben dort einen viel höheren Stellenwert und ich bin unendlich dankbar, dass ich durch die Zeit in Indien vieles wieder besser zu schätzen weiß und hoffe, dass ich dies nicht so schnell wieder vergesse. 

Neben dem Kinderheim konnte ich auch Einblicke in weitere beeindruckende Projekte auf St. John’s gewinnen, die zum Großteil von der SANNI Foundation unterstützt werden. Neben zahlreichen Besuchen des zugehörigen Community-Krankenhauses, in dem täglich 200 bedürftige Menschen kostengünstig medizinisch versorgt werden, lernte ich auch die Lepra- und die Tuberkulose-Station kennen und konnte mich dort von der aufopferungsvollen Arbeit der Ärzte und ihren Helfern überzeugen. Ich durfte im HIV-Krankenhaus und bei dem Programm zur Stärkung von Frauen unterstützend zur Seite stehen oder begleitete die Ärzte und Helfer zu einigen der 43 Diabetes-Stationen, über die auch Menschen aus den abgelegen Dörfern mit lebenswichtigen Medikamenten  versorgt werden.

Ohne die schützende und leitende Hand von Pater Jose wäre St. John’s nicht das, was es ist. Pater Jose ist der beeindruckendste Mensch, den ich bisher in meinem Leben kennenlernen durfte. Er lebt für die kranken und bedürftigen Menschen und arbeitet hart daran, ihnen ein besseres Leben und vor allem eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Dabei stellt er seine eigenen Bedürfnisse immer hinten an. Pater Jose hat mich gleich in sein großes Herz geschlossen und mich in die St. Johns-Familie integriert. Doch nur mit der Hilfe der anderen Pater, Nonnen, Ärzte und einer Vielzahl weiterer Helfer kann er die vielen Aufgaben bewältigen. Gemeinsam sind sie ein tolles Team, für das St. John’s mehr ist als nur ein Arbeitsplatz. 

Zu den Mahlzeiten kamen alle Priester, Nonnen und die übrigen Helfer zusammen, wobei die Damen aus der Küche stets ein Extra-Gericht für mich kochten, da die indische Schärfe für meine europäischen Geschmacksnerven durchaus eine Herausforderung darstellte. Am Nachmittag luden sie mich regelmäßig zum Tee ein und überraschten mich gerne mit einer süßen Kleinigkeit. Beim gemeinsamen Essen sprachen wir dann über unseren Tag, die bevorstehenden Ereignisse und diskutierten gemeinsam über die Probleme der Kinder und Patienten. Aber vor allem haben wir viel gelacht, haben kleine Wetten ausgetragen oder uns gemeinsam beim Cricket- oder Badminton-Spiel ausgetobt.

Ich bin überaus dankbar, dass ich diese wundervollen Erfahrungen machen durfte und in eine fremde Kultur abtauchen konnte. Auf St. John’s habe ich nicht nur neue Freunde gefunden, sondern auch eine zweite Familie, an die ich jeden Tag denke. Ich kann es kaum abwarten sie endlich wieder zu besuchen und in die Arme zu schließen! Es schlagen nun zwei Herzen in meiner Brust: eines für meine deutsche und eines für meine indische Familie.

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